Jahrzehnte war Schulpolitik DAS Thema der politischen Auseinandersetzung. Im Versuch daraus auszubrechen, wurde unter der Federführung von der GRÜNEN Schulministerin Sylvia Löhrmann mit der SPD und der CDU der Schulkonsens ausgehandelt. Der Schulkonsens sollte den Grabenkampf um die beste Schulform beenden und dazu führen, dass Gymnasien, Gesamtschulen und Co. strukturell gleichbehandelt werden.

Wir müssen feststellen, dass dieser Konsens nur so lange umgesetzt wurde, wie es eine GRÜNE Schulministerin gab. Auch dadurch, dass nun die FDP das Ministerium führt, hat die Ideologie des Leistungsgedankens Einzug in alle Schulsysteme gehalten. Schwarz-Gelb leitet Schritte ein, die notwendigen gesellschaftspolitischen Aufgaben wie Inklusion und Integration von dem Gymnasium auf die anderen Schulsysteme wie Haupt-, Real-, und Gesamtschulen zu delegieren.

Schwarz-Gelb hat den Schukonsens durch Regierungshandeln faktisch aufgekündigt.

Schwarz-Gelb sieht in Inklusion und Integration offenkundig eine Bürde, die dem Leistungsgedanken entgegensteht. Diesem Denken stellen wir uns als GRÜNE JUGEND entgegen- Inklusion ist und bleibt ein Menschenrecht. Ein Menschenrecht kann man weder revidieren noch aussetzen.

Nur aus dem gemeinsamen Handeln und Gestalten einer Gesellschaft kann Zukunft entstehen. Unterschiede in einer Gruppe machen nicht schwach, sondern stark. Auch bei der Mittelverteilung und dem Lehrer*innenschlüssel zieht die Landesregierung die Gymnasien den anderen Schulen vor. Die Landesregierung geht sogar noch weiter und realisiert sogenannte „Talentschulen“. Damit schafft sie eine Ungleichheit in der Finanzierung. Statt auf eine auskömmliche Grundfinanzierung setzt sie auf Leuchtturmpolitik. Das ist nicht gerecht!

Es ist jetzt die Aufgabe der GRÜNEN JUGEND der Leistungsideologie von Schwarz-Gelb einen Bildungsgedanken der individuellen Förderung in gemeinschaftlichem Lernen entgegenzusetzen. Die Ideologie der Leistung ist im Schulsystem tief verwurzelt. Noten, Klassen, Stufen und Schulformen sind die systemischen Ergebnisse, die seit dem 19. Jahrhundert andauern. Dabei werden Klassen als Kollektiv unterrichtet. Nach wie vor ist darin der Gedanke implementiert, dass Schüler*innen kategorisiert werden können und müssen. Diesen Gedanken finden wir falsch!

Die Gesamtschule und die Forderung des längeren gemeinsamen Lernens sind Ergebnisse der Hinterfragung dieses Denkens. Obwohl sie für Schwarz-Gelb offenbar Forderungen des Teufels sind, gehen sie uns nicht weit genug. Sie hinterfragen und lockern das System, bewegen sich aber weitgehend im Denken des 19. Jahrhunderts.

Bei der Antwort auf die rückwärtsgewandte Leistungsideologie von Schwarz-Gelb müssen wir uns also fragen: Wie kann ein Schulsystem des 21. Jahrhunderts aussehen. Wir wollen die Förderung individualisieren und dabei doch ein Lern- und Lebensgefühl des Gemeinsamen schaffen.

Wenn wir die Inklusion konsequent zu Ende denken, dann heißt das ein Ende von Lehrplänen und zentralen Prüfungen- jedoch darf man sich vor diesem Fakt nicht verschließen. Längst ist bewiesen, dass die Fähigkeit in heterogenen Gruppen auszukommen, zu agieren und Konflikte handzuhaben und zu lösen eine der zentralen Schlüsselkompetenzen unseres eigenen Wohlbefindens in der Gesellschaft. Weiter noch: Die OECD-Studie zeigt deutlich, dass das Gefühl von Selbstwirksamkeit und selbstständigem Handeln in unserer Gesellschaft elementar sind. Insbesondere vor dem Hintergrund der globalen Wirtschaft und Informationsgesellschaft ist es zudem wichtig, dass wir Hilfsmittel und Instrumente kennen und nutzen können, die uns im Rahmen der veränderten, digitalisierten Gesellschaft nützen.

Die Frage ist, ob wir uns diesen Schlüsselkompetenzen im Schulsystem weiter verschließen oder endlich zu einem kompetenzorientierten Lernen kommen.

Schüler*innen sollen die Freiheit bekommen, autonom ihre Fähigkeiten auszubauen. Jede*r Schüler*in muss endlich die Möglichkeit bekommen, sich in Kompetenzgebieten modulartig unterschiedlich schnell zu bewegen. Hier sind digitale Angebote insbesondere zur Unterstützung der Lehrer*innen hilfreich und notwendig. Bei Nachhilfebedarf kann auf individuelle Förderung nicht verzichten werden. Wir wollen weniger Frontalunterricht, sondern begleitenden Unterricht seitens der Lehrer*innen. Schule hat unserer Meinung nach die Aufgabe, Schüler*innen in ihrer Entwicklung zu kritischen, mündigen, selbstbewussten und selbstbestimmten Bürger*innen zu begleiten und ihnen das Gefühl zu geben, sich in großem und durchaus unübersichtlichem Rahmen frei und kompetent bewegen zu können. Solange das Grundprinzip des kollektiven Unterrichts nicht in Frage gestellt wird, sind Lehrer*innen bei der individuellen Förderung auf sich allein gestellt. Wer aus diesem Dilemma ausbrechen will, muss den Mut haben radikale Fragen zu stellen.

Packen wir es an!