Wir wollen das Bildungssystem revolutionieren! Dafür müssen wir progressive Reformen verabschieden, die einen starken Eingriff in die bisherigen schulpolitischen und organisatorischen Gebenheiten bedeuten. Schule, so wie wir sie bislang alle kennen und durchlaufen, hat wenig damit zutun, was wir heute brauchen. Wir leben in einer zunehmend schneller werdenden Welt. Viele Berufe, die in den kommenden Jahren erschaffen werden, können wir heute noch gar nicht erahnen. Und solange eine Aufgabe der Schüler*innen ist, den Lehrer*innen die Tafel zu putzen und Kreide zu holen, wird die Digitalisierung vor die Wand gefahren.

Wir leben in einer Zeit, in der junge Menschen für globale Klimagerechtigkeit auf die Straße gehen, weil sie Angst um ihre Zukunft haben. Wir leben in einer Zeit eines massiven Rechtsrucks, der auch in der Europäischen Union droht.

Während dieser Zeit sitzen junge Menschen in der Schule und berechnen die Wahrscheinlichkeit dafür, den Lottogewinn zu knacken oder diskutieren darüber, welche Bedeutung nun das Symbol „Taube“ hat: Frieden oder Hoffnung?

Statt sich mit der Lebenswirklichkeit zu beschäftigen und Menschen darin zu befähigen zu selbstständigen, kreativen und gesellschaftskritischen Menschen heranzuwachsen, lehrt die Institution Schule heute immernoch wie vor 50 Jahren.

Wir fordern gute Bildung für alle.

Wir wollen ein inklusives System, in dem nicht mehr die Frage gestellt werden muss, ob die richtigen Gelingensbedingungen vorhanden sind, sondern der Lernort so ausgerichtet ist, dass jeder Mensch dort willkommen ist. Inklusion bedeutet für uns nicht nur, dass Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen zusammen lernen und aufwachsen, sondern viel mehr. „Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf seine wirtschaftliche Lage und Herkunft und sein Geschlecht ein Recht auf schulische Bildung, Erziehung und individuelle Förderung“ so schreibt es das Schulgesetz NRW vor, jedoch finden wir, dass da noch einiges zutun ist.

Ein inklusives System ist geprägt von der Toleranz gegenüber unterschiedlichen Religionen und bekämpft Rassismus. Dazu gehört nicht nur die eigene Religion zu kennen und kritisch beleuchten zu können, sondern vorallem auch andere Religionen kennenzulernen. Dies darf nicht, wie bislang geschehen, durch die Trennung von katholischem und evangelischem Religionsunterricht und als Alternative dazu Ethik passieren. Wir fordern die Abschaffung der Trennung und wollen ein Fach, welches sich mit den unterschiedlichsten Weltreligionen beschäftigt, Rassismus thematisiert und so Vorurteilen und Diskriminierung vorgreift. Schule kann aber noch viel mehr gegen Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung tun als bisher! Nicht nur verschiedene Religionen, auch neue Kulturen und Sprachen kennenzulernen hilft Rassismus vorzubeugen. Um so auch einen engeren Bund zwischen den Generationen herzustellen, sollten Kinder die Möglichkeit haben an Schulen kostenlos die Muttersprache(n) ihrer Eltern zu lernen. Bisher ist dies nur sporadisch in Städten an z.B. polnischen Schulen möglich, wir fordern ein breiteres Angebot und mehr Förderung für Sprachschulen.

Ein inklusives Schulsystem ist geschlechtergerecht. Auch wenn Mädchen und junge Frauen in Deutschland bezogen auf den Zugang zu Bildung gleichberechtigt sind, zeigt die Realität, dass geschlechtliche Rollenvorurteile die Lern- und Leistungsbereitschaft von Schüler*innen maßgeblich prägen. Ein geschlechtergerechtes Schulsystem setzt sich zum Ziel Schüler*innen unabhängig von ihrem Geschlecht in ihren Fähigkeiten zu bestärken und diese zu fördern. Geschlechtergerechtigkeit muss daher einen zentralen Platz in der Erstellung von Lehrmaterialien und in der Ausbildung von Lehrkräften einnehmen, damit ein stereotypenfreies Unterrichten gewährleistet werden kann.

Geschlechtergerechtigkeit wird auch durch eine gendergerechte Sprache begünstigt. Schulen sollten neben den gleichberechtigungsbeauftragten Lehrkräften auch solche aus der Schülerschaft wählen, die gemeinsam daran arbeiten, dass ihre Schule gerechter wird.

Auch muss die Vemittlung von Heteronormativität von den Lehrplänen verschwinden. Schule soll als Lern- und Erfahrungsort für verschiedene (Zusammen-)Lebensmodelle dienen und nicht von vornherein Grenzen in der eigenen Entwicklung aufzeigen. Schule muss ein Ort sein, wo Diversität in unterschiedlichen Lebensformen zugelassen und Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierungen verhindert wird. Die Zeiten, in denen sich LGBTQI*-Menschen nicht mehr sicher in der Schule fühlen und Mobbing ausgesetzt sind, müssen endlich vorbei sein. Wir fordern, dass die Schüler*innenvertretungen in NRW gestärkt werden und darin unterstützt werden für Diversität einzustehen, außerdem wollen wir, dass nicht nur von Familie gesprochen wird, wenn Mutter und Vater vorhanden sind, sondern wollen Aufklärung über die vielfältigen Lebensmodelle.

Die schulische Laufbahn und der Abschluss dürfen nicht mehr länger abhängig vom Geldbeutel der Eltern oder des sozialen Umfeldes sein, aus denen ein Kind kommt. Wir wollen die sozio-ökonomische Chancengerechtigkeit erweitern, indem wir das sechsgliedrige Schulsystem in NRW abschaffen. Gymnasium, Gesamtschule, Sekundarschule, Realschule, Hauptschule und Förderschule sind parallel laufende Systeme, in denen Menschen aufwachsen, die nach dieser Zeit auf jeden Fall miteinander leben. Während auf dem Gymnasium die Schüler*innen aufgrund des Leistungsdrucks und zunehmender Belastungen an ihre Grenzen stoßen, werden nicht selten auf den Förderschulen die Schüler*innen auf der Reservebank sitzen gelassen. Wir wollen ein Schulsystem, indem sowohl Schutzräume für Menschen mit besonderen Bedürfnissen vorhanden sind, sowie individuellen Ressourcen und Potenziale der einzelnen Schüler*innen berücksichtigt werden und sich durch bedarfsgerechte Förderung entwickeln können.

Und zu einem inklusiven Schulsystem gehört es auch, dass Kinder mit und ohne Beeinträchtigung zusammen lernen. Aber eben nicht nur das: Wir wollen, dass Kinder und junge Menschen Vielfalt und Diversität als Chance ansehen. Dafür muss sich das Schulsystem für Kinder mit Beeinträchtigungen ändern und nicht die Kinder. Wir fordern echte Chancengerechtigkeit von der 1. Klasse bis hin zum Abitur und darüber hinaus. In Nordrhein-Westfalen wurden im Schuljahr 2016/17 rund 7.6 % der Schüler*innen mit ausgewiesenem Förderbedarf inklusiv beschult. Insgesamt gibt es sieben unterschiedliche Förderschwerpunkte, von denen vorallem die Förderschwerpunkte emotionale und soziale Entwicklung, Lernen und Sprache in den Schulen mit Gemeinsamen Lernen vorhanden sind. Für alle weiteren Förderschwerpunkte gibt es bislang in NRW Förderschulen. Schüler*innen wird mit dem sogenannten AO-SF ein Stempel aufgedrückt, in denen sie besonders förderungsbedürftig erscheinen. Wir finden eine solche Klassifizierung überholt und fordern die Abschaffung der Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf, denn letztlich muss jedes Kind bestmöglich gefördert werden. Dafür braucht es einen guten Personalschlüssel, damit jedes Kind im eigenen Lerntempo arbeiten und bestmöglich gefördert werden kann. Dafür braucht es qualifizierte Sonderpädagog*innen, die die Lehrkräfte für den Unterricht beraten und Schüler*innen in ihren Stärken ermutigen, sie fordern und fördern. Eine inklusive Schule sollte so ausgestattet sein, dass heilpädagogische und therapeutische Angebote an jeder Schule angemessen vorhanden sind und alle Menschen davon Gebrauch machen können.

Damit es gute Lehrkräfte an unseren Schulen gibt, sollte das Studium für Lehrkräfte für sonderpädagogische Förderung von vorneherein inklusiv angelegt sein. Dadurch erlangen Lehrer*innen von Beginn an die Expertise für ein inklusives System. Bislang ist es für viele Sonderpädagog*innen schwer sich in dieses System reinzudenken und in diesem zu Handeln, weil die Handlungskompetenz und Modelle fehlen.

Das Denken und Handeln von Akteur*innen muss sich ändern, damit wir eine angemessene Bildung bekommen und nicht mehr fern ab der Realität lernen.

Mit dem Leben lernen.

Wie oft bekommenSchüler*innen auf die Frage „Wieso machen wir das überhaupt?“ entweder keine Antwort oder die Reaktion, dass es im Kernlehrplan steht. Wenn uns Lehrer*innen diese Frage nicht beantworten können und wir selbst keinen wirklichen Lebensrealitätsbezug herstellen können, dann muss die Frage gestellt werden „Warum gehen wir überhaupt zur Schule?“. Fridays for Future trifft genau hier den wundesten Punkt der Gesellschaft. Wir solidarisieren und mit der Bewegung, weil die Aufgabe von Schule nicht die Wissensvermittlung fern der Realität ist sondern die Persönlichkeit von Kindern zu stärken und Verantwortung für die Gesellschaft, Umwelt und Tier zu übernehmen. Wir lernen in der Schule über Helden wie Rosa Luxemburg, die Geschwister Scholl und Martin Luther King aber wenn es darum geht unsere eigenen Helden zu sein und für unsere Zukunft auf die Straße zu gehen, würden uns Christian Lindner und viele andere Politiker am Liebsten einen Riegel vorschieben. Das lassen wir nicht zu und fordern für Schulen mehr Freiraum. Wir wollen, dass Schulen nicht dem Kernlehrplan hinterherhetzen müssen um Richtlinien zu erfüllen. Wir fordern eine Entschlackung des Kernlehrplans, damit Lehrer*innen genügend Zeit haben um tagesaktuelle, politische, gesellschaftliche Themen, die die Schüler*innen interessiert zu thematisieren. Dazu gehört auch ein veränderte Lernatmosphäre:

Frontalunterricht gab es lange genug an den Schulen. Wir wollen ein langes gemeinsames Lernen, was auch durch Volkshochschulen und andere außerschulische Bildungs- und Kultureinrichtungen begleitet und gestaltet wird. Dafür müssen diese Einrichtungen besser subventioniert werden und Sprachkurse aber auch Gebärdenkurse breiter und günstiger angeboten werden- im Sinne einer inklusiven Bildung. Letztlich geht es darum Schüler*innen möglichst viele Kompetenzen zu vermitteln, damit sie in der Gesellschaft nicht nur zurechtfinden, sondern sich die Welt aneignen können. Wir fordern mehr ganzheitliches Lernen- das bedeutet: Mehr Kreativität & Lernen mit allen Sinnen. Bislang gibt es Sport-, Musik- und Kunstunterricht nur isoliert voneinander und das sind dann meistens auch die Unterrichtsfächer, die in einem Halbjahr aufgrund von Lehrkräftemangel nicht stattfinden. Wir fordern, dass auch eine Kombination dieser möglich sein darf und die Einführung des Lernbereiches Ästhetische Erziehung. Nicht als „entweder oder“ sondern als „und“ zu den kreativen Fächern! Schluss mit dem Reingepresse von Lerninhalten nur um die nächste Klassenarbeit zu überstehen!

Wir fordern deshalb, dass endlich der Leistungsdruck in Schulen heruntergefahren wird und Noten abgeschafft werden.

Übergang statt Untergang.

In der Schule sollten wir wichtige Kernkompetenzen für das Leben und die Arbeit lernen, wie Teamwork, Rhetorik oder Problemlösestrategien. Auf unserem Zeugnis steht am Ende aber nur Mathe 1 und Englisch 3. Notenziffern sagen unserer Ausbildungsstätte oder unserem Chef aber nichts darüber, wie wir als Menschen sind. Unsere Noten sind letztlich ein Zeugnis dafür, ob wir dem System Schule gewachsen waren oder nicht. Und auch immernoch gibt es zu viele Schüler*innen, die die Schule aus den verschiedensten Gründen abbrechen. Zum Leben gehört mehr dazu, als Mathematik und Deutsch! Wir wollen, dass Schüler*innen auch unabhängig von Abschlüssen Perspektiven haben, damit sie nicht komplett von der Gesellschaft abgehängt werden! Dafür muss die Attraktivität von Ausbildungsberufen deutlich gestärkt und besonders in den sozialen Berufen viel besser vergütet werden! Und Schulen sollten Schüler*innen darin unterstützen, den Bewerbungsmarathon zu bewältigen und auf Assessment Center und andere Auswahlverfahren zu bestehen. Dort sind Zeugnisnoten dann nicht selten weniger wichtig. Im Gegensatz dazu an den Hochschulen und Universitäten, die ihre Bewerber*innen lediglich anhand des Zeugnis-Durchschnitts auswählen und vorher nicht kennen lernen. Wer sich beispielsweise enorm für die Anatomie des Menschen begeistert und sich damit viel beschäftigt, dafür aber in der Schule weniger gut klar kommt und am Ende kein Einer- Abi hat, der wird niemals Medizin studieren können! Wir fordern einen prozentualen Anteil von Bewerber*innen, die sich beispielsweise durch ein Motivationsschreiben und Ähnliches bewerben können. Dadurch würde nicht nur die Diversität in den Studiengängen erhöht werden, sondern auch Chancengerechtigkeit geschaffen werden, um das zu studieren und zu werden, was mensch will.

Schule als Lebensraum statt Lernbunker.

Nicht zuletzt braucht es die richtige Lernumgebung. Die bisherige Schulausstattung, ob Grundschule oder weiterführende Schule sieht in der Regel so aus: ein Klassenraum, ein Tafel, ein Lehrerpult, Schränke entlang der Wände und dazwischen gequetscht Tische und Stühle für uns. Auch wenn mit dem Paket „Gute Schule 2020“ vieles verändert werden sollte, vorallem Richtung Digitalisierung, tut sich sehr wenig. Wir wollen Schulen, in denen Klassen nicht nur Raumnachbarin sind. Wir fordern Raumstrukturen, die es ermöglichen klassen- und jahrgangsübergreifend zu Lernen. Aber Schule ist heute mehr als der Ort, an dem wir lernen. Wir verbringen die meiste Zeit unserer Jugend an diesem Ort. Deshalb muss Schule ein Begegnungsort werden, der nicht isoliert vom Umfeld und der Quartiersarbeit drumherum besteht. Wir wollen die Einbindung von Sport-, Freizeit-, Kultur- und Jugendangeboten in der Schule. Oder auch andersherum: Eine Schule innerhalb eines zentralen Begegnungsortes des Quartiers oder Viertels. Somit wäre lebenslanges Lernen nicht nur möglich, sondern auch ohne logistische Aufwände machbar, wenn die Kita und auch die Begegnungsstätte für Senior*innen vor Ort sind.

Schule ist eben ein Lebensraum. Deshalb sind auch die baulichen Aspekte nicht zu vernachlässigen. Wir fordern einen nachhaligen Schulbau bei zukünftigen Neubauten, die sich mindestens in Teilen mittels erneuerbarer Energien selbst versorgen, die Biologie nicht im Labor verbringen, sondern im Schulgarten und auf dem Schulacker in der Natur erlebt wird!

Und wir fordern das Ende der Kreidezeit! Das ist nicht nur wünschenswert, sondern einfach überfällig! Immernoch gibt es an Schulen Handyverbote- an manchen Schulen dürfen wir unsere Handys noch nicht einmal mit zur Schule bringen. Und während die Schulcomputer eine Schulstunde zum Hochfahren brauchen, stehen die Lehrer*innen dann doch wieder an der Tafel und schreiben die technischen Verfahren theoretisch an die Tafel. Wir fordern eine gute digitale Ausrüstung für alle Schulen. Dazu gehören SmartBoards, Tablets und Handys. Aber auch hinsichtlich der Kommnikation gibt es diverse digitale Geräte, die den Schulalltag immens erleichtern würden. Ein datensicheres System, welches sowohl Schüler*innen als auch Lehrer*innen gemeinsam nutzen, könnte desweiteren die Organisation und Arbeitsweise erleichtern und erweitern.

Lasst es uns anpacken. Lernen. Grenzenlos. Wir leben in Zeiten, in denen Schüler*innen jeden Freitag die „Schule schwänzen“ um für Klimagerechtigkeit einzustehen. Unsere Generation spürt die Ungerechtigkeit und die Klimakrise. Und wir werden nicht ohnmächtig, sondern üben solange Systemkritik, bis sich etwas tut. Denn wie wir die Welt retten, haben wir bisher in der Schule nicht gelernt!2